Infantile Agitation VI

Der Wunsch nach größtmöglicher Abwesenheit staatlicher Autorität um seine „eigenen Angelegenheiten“ ungestört vollziehen zu können, ist nicht nur arabischen Clans und Großfamilien, der Cosa Nostra oder ähnliche Gruppen zu eigen. Auch anarchistische Banden in Deutschland scheinen sich einen Zustand herbeizusehnen, in dem ihr Recht und nur ihr Recht gilt. Was uns genau in diesem Zustand erwartet, bleibt den Cheftheoretikern der Anarchisten vorbehalten. Wie genau dieser Zustand durchzusetzen wäre, kann man auf diesem Sticker nachlesen. Dass ihre subversiven Angelegenheiten möglich sein sollen, wenn sie gegen Nazis, Salafisten und Rockergruppen durchzusetzen wären, ohne dass der Staat ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit garantiert, ist jedenfalls ein abenteuerliches Szenario. Die Weltfremdheit dieser Forderung erlaubt die Frage, ob hier erwachsene Menschen zu Werke waren. Aus diesem Grund, diesen Monat:

Infantile Agitation V

In diesem Monat zeigt uns die DKP, dass sie nicht umsonst das „Deutsche“ vor die „Kommunistische Partei“ gesetzt hat. Dem eigenen Selbstverständnis als Vorhut der Massen in der Bundesrepublik Deutschland wurde diese 1968 als Nachfolgepartei der KPD gegründete Truppe nie gerecht. Sie kam nie über 50.000 Mitglieder hinaus.

Nicht einmal ca. eine Milliarde DM (West), die über 21 Jahre von den Genossen aus Ostberlin überwiesen wurden, halfen weiter. Teure Liedermacher wurden für UZ-Pressefeste angeheuert, die Zeitung finanziert (UZ ist die Parteizeitung der DKP, die früher täglich erschien), sinnlose Publikationen mit 10.000facher Auflage produziert und viel Geld in die deutsche Friedensbewegung gesteckt, über die es viel zu sagen gibt, aber mit Sicherheit nicht, dass sie „kommunistisch“ war (noch nicht einmal im Sinne der DKP).

Soviel vorweg zu denen, die hier mit diesem Tiefpunkt politischer Agitation werben wollen.

Nicht dass es eine Überraschung wäre. Die staatskapitalistischen Diktaturen Osteuropas und die „antiimperialistischen“ Regimes des nahen Ostens und Afrikas verknüpften ihre antikapitalistische Agitation teilweise mit plumpen Antisemitismus, dennoch scheint dieser Aufkleber direkt aus dem Kopf eines sozial-nationalen Propagandisten zu stammen, der nach seiner morgentlichen Lektüre der Süddeutschen Zeitung [1] auf eine besonders „geniale“ Anti-Eu-Agitation gekommen ist.

In ihrem Bedürfnis irgendwen, irgendwie anzusprechen fallen die Genossen gar hinter John Heartfields [2] Fotomontagen zurück und zeigen, dass sie weder etwas vom Gegenstand, noch von wirklicher Kritik verstanden haben.

Die DKP ist eine deutsche Partei im schlechtesten Sinne und will es wohl auch bleiben. Denn wer mit einer Mischung aus „Europa der Vaterländer und Nationen“ und Latuff [3] um Sympathisanten buhlt, der hat mit Kommunismus wohl nichts gemein.

[1]Zur Karikatur in der SZ: http://www.tagesspiegel.de/medien/zuckerberg-eine-krake-antisemitismus-vorwurf-nach-sz-karikatur/9538414.html
[2] John Heartfield: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Heartfield
[3]Latuff: https://de.wikipedia.org/wiki/Carlos_Latuff

EU-Krake

Infantile Agitation IV

Dieser Monat geht thematisch in eine andere Richtung als der vorherige, wird aber dem Motto „infantile Agitation“ wieder gerechter. Dennoch kann man auch hier erkennen, dass gerade auch Linke offensichtlich häufig aus Selbstzweck handeln und/oder der Charakter gewählter Vorbilder mehr als fragwürdig ist.

Wir wissen nicht genau, welche Gruppe diesen Aufkleber gefertigt hat. Der Urheber ist nicht erkennbar und vielleicht ist das auch besser. Denn die Selbstidentifikation mit den aus „Star Wars“ bekannten Ewoks und deren Planeten als Wohnort lässt tief blicken.

Wer sich an diese Kreaturen aus dem Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ erinnert, dem fällt vieles ein, aber nicht warum man sich mit ihnen gleichsetzen sollte. Jenseits der Zivilisation leben sie als Stamm, in steinzeitlichen Verhältnissen, auf Bäumen. Sie essen Menschen. Verehren einen Roboter als Gott, weil er golden glänzt. Auf den Befehl dieses „Gottes“ ziehen sie in eine Schlacht, um ihren komplett von Urwald überzogenen Planeten, von „ihren“ Feinden zu säubern und schlachten diese schließlich mit Hilfe primitivster Mittel ab.

All das, ist im Film weder so drastisch dargestellt noch wird es thematisiert, dennoch ist es sichtbar. Angesichts dessen, dass die (deutsche) Linke bei der Wahl ihrer Partner schon häufig wenig zimperlich war und der gemeinsame Feind meist alle Mittel heiligt, wird es schnell müßig, überhaupt noch auf Einladungen zu Verbrüderungen, wie der hier angesprochenen, zu reagieren.

Wir machen das natürlich trotzdem und lehnen das Angebot, gemeinsam mit den Teddybären aus der Steinzeit, eine oder mehrere Bezugsgruppen zu bilden dankend ab. Nichts gegen „Star Wars“ Referenzen, aber ein wenig Sinn sollte schon dahinter stecken. Sich selber als Jedi-Ritter zu sehen, hat noch einen gewissen Charme, mit einer Gruppe von steinzeitlichen Gotteskriegern in einem großen Wald zu wohnen, um mit ihnen eine Bande zu bilden, allerdings definitiv nicht.
Ewok-Aufkleber

Infantile Agitation III

Was wir in diesem Monat dem geneigten Leser präsentieren, widert uns zutiefst an. Man könnte es sogar als den mit Abstand abstoßendsten Aufkleber bezeichnen, den wir bisher präsentiert haben und wir wissen nicht, ob sich das in Zukunft ändert. Dennoch sehen wir es als unsere Aufgabe an, klar zu machen, wer unser Gegner ist und warum er es ist.

Diesmal hat die Gruppe Young Struggle, eine Vorfeld-Organisation der türkischen Partei MLKP, geliefert. Wovon Young Struggle träumt, wird auf diesem Aufkleber gut sichtbar, denn Ivana Hoffmann, deren Gesicht diesen Aufkleber ziert, dient dieser Gruppe schon eine ganze Weile als Märtyrerin, um die man einen revolutionären Kult erschaffen hat.1

Dass Gruppen wie Young Struggle den Kampf für die Revolution im Sinne ihrer maoistischen Doktrin als notwendig empfinden, muss dem Leser hier sicher nicht mehr nahe gebracht werden. Auch der Märtyrerkult ist bei Organisationen dieser Art nicht ungewöhnlich. Schließlich soll Opferbereitschaft für die „Sache“ immer wieder abgefragt und eingefordert werden. Dabei dienen die Gefallenen als Vorbilder, sie haben sich der Sache hingegeben und kamen dabei ehrenhaft ums Leben. Im Tod sind sie politisch wertvoller als lebend.

Trotz allem erreicht dieser Aufkleber einen neuen Tiefpunkt. YS verklärt den Märtyertod zum revolutionären Traum. Im Alter von gerade mal 19 Jahren mit zwei Kalaschnikow-Kugeln im Bauch im syrischen Sand zu verbluten, einfach zu verrecken, ist laut dieser Organisation ein Traum, der wahr wurde. Den Rojava ist der magische Ort, an dem sich Gymnasiastinnen abschlachten lassen können noch bevor ihr Leben richtig begonnen hat.

Dass diese Leute den Umma-Sozialisten, die sie zu bekämpfen vorgeben, näher stehen als dem Kommunismus, macht dieser Aufkleber mehr als deutlich. Im Kampf als Märtyrer zu sterben, als das höchste Gut, ja einen Traum zu präsentieren, ist nichts anderes als widerwärtig und tief regressiv.

Ivana Hoffmann hat die Konsequenzen zu spüren bekommen, begriffen haben wird sie es nicht. In ihrem Namen gibt es jetzt ein Fußballturnier2 und Aufkleber, welche jungen Leuten vermitteln, dass niedergeschossen werden ein Traum ist, den man sich erfüllen sollte solange es um die richtige Sache geht.

rojava

  1. Als ein Beispiel sei hier auf die Facebookseite verwiesen: https://www.facebook.com/genossinivanahoffmann/ [zurück]
  2. http://www.young-struggle.org/content/ivana-hoffmann-fu%C3%9Fballturnier [zurück]

Blumen auf den Weg gestreut

Nach dem schmerzhaften und Jahrzehnte lang andauernden Schuldkomplex der Opferdeutschen, kommt – nach „Der Untergang“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ – nun endlich eine lustige Auseinandersetzung über die Lasten der Erbschuld in die Kinos. Der Film „Die Blumen von Gestern“ zeigt wie die Themen Holocaust, Liebe und Sinnsuche zu einem heiteren pädagogischen Kinoerlebnis für die ganze Familie verschmolzen werden. Totila Blumen, der Protagonist der Geschichte, ist ein verkrampfter Holocaust-Forscher, der überhaupt keinen Spaß versteht. Da sein Großvater bei der SS diente, fühlt sich Totila schuldig und gerät in eine Sinnkrise. Was liegt da näher als ihn mit der Enkelin einer in Ausschwitz ermordeten Jüdin auf eine Reise in die gemeinsam durchlittene Vergangenheit zu schicken (sein Großvater hat ihre Großmutter ins Gas geschickt). Der Trailer zum Film gipfelt schließlich in einer versöhnlichen Szene: beide, die Jüdin und der Deutsche, liegen sich in den Armen und sie sagt die Worte, die den Sinn des Films festschreiben: „Ich liebe deine Geschichte, weil es meine Geschichte ist.“1

Der Regisseur Chris Kraus, der nebenher natürlich Hobby-Holocaust-Forscher ist, zog die Inspiration für das von ihm verfasste Drehbuch selbstredend aus seiner eigenen Familiengeschichte und den zahlreichen Versöhnungsgeschichten von jüdischen Opfern und deutschen Tätern. Dieses Meisterwerk deutscher Geschichtsaufarbeitung in Komödienform ist durch den „[…] Wunsch, etwas über die Verletzungen des Holocaust zu schreiben, die heute noch in uns wüten“ motiviert. Und weiter: „Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt.“ Alles in allem ist Kraus also ein Therapeut am deutschen Volkskörper für den neben der Frage: „Die Zeitzeugen verschwinden, durch Immigration wandelt sich unser Land. Wie erreicht man Jugendliche, deren Vorfahren gar nicht von hier kommen?“ vor allem eines wichtig zu sein scheint: „[…] in einem Land, das ein erhebliches rechtes Wählerpotential bekommen hat, trotz aller Erinnerungsmantras, glauben auch in Fachkreisen immer weniger Wissenschaftler daran, dass das auf Dauer funktionieren kann. Weil das ständige Wiederkäuen von Lehrsätzen niemanden mehr innerlich berührt.“2

Diese filmische Neubetrachtung der Shoa, in der die Heiterkeit einer Jüdin das verkrampfte Deutschland aus seinem Trauma erlöst, dient natürlich Höherem. Und so wurde der Film bereits mit zahlreichen Lorbeeren aus dem südwestlichsten aller Bundesländer überhäuft, wo er teilweise auch gedreht wurde. Neben dem „Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis der MFG Filmförderung Baden-Württemberg von 2013“ wurde der Film mit „Baden-Württembergischer Filmpreis in der Kategorie besten Spielfilm 2016“ ausgezeichnet. Denn der Triumph, unverkrampft – aber pädagogisch Wertvoll – auf die eigene Geschichte blicken zu können, macht einen Film in Deutschland „besonders wertvoll“.3

  1. http://die-blumen-von-gestern.de/trailer.php [zurück]
  2. http://die-blumen-von-gestern.de/interview-chris-kraus.php [zurück]
  3. http://www.fbw-filmbewertung.com/film/die_blumen_von_gestern [zurück]


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